Das zweite Wohnzimmer

Public Library

Das ist einer meiner liebsten Orte in der Stadt. Nein, nicht wegen des majestätischen Gebäudes, auch nicht wegen des unvermeidlichen Autofahrers in der Fußgängerzone. Das nehme ich nur selten wahr, denn üblicherweise bin ich auf dem Weg an diesen schönen Ort voller Erwartungen und ein bisschen Gier, manchmal haste ich auch schwer beladen durch den Torbogen und dann die auf der linken Seite die Treppe hinauf. Was es ist?

Die Stadtbücherei.

Sie residiert im ersten und zweiten Stock des Gebäudes und hat viel, was mein Herz begehrt: Bücher natürlich – aus Papier und zum Anhören – Musik, Noten, Zeitschriften und Videos. Sie hat auch freundliche Angestellte, die mich inzwischen kennen und auch gern mal ermutigen, doch noch ein wenig mehr mitzunehmen. Seltsamerweise gerade dann, wenn ich nicht mit nur einem oder zwei Büchern an der Ausleihtheke stehe, sondern mit einem beeindruckenden Stapel, der sich kaum balancieren lässt. Da heißt es dann gern lächelnd: “Wir haben dort Körbe und Sie können insgesamt 10 Hörbücher ausleihen, wenn Sie möchten.”

Mehr als einen Rucksack voll Material kann ich aber nun mal nicht mitnehmen. Und da fallen die Entscheidungen nicht immer leicht. Selbstverständlich habe ich bei jedem Besuch einen Wunschzettel dabei und vorher im Internet recherchiert, ob denn diese Bücher oder Filme wohl auch zu haben seien. Aber um all das einzusammeln, muss ich natürlich an diversen Regalen vorbeigehen – und da sehe ich dann immer wieder Interessantes, das nicht auf meiner Liste steht.

Manchmal bin ich dann streng zu mir und denke an die ungelesenen Bücher, die sowieso daheim liegen und meine Aufmerksamkeit verdienen und leihe nur, was ich mir vorgenommen hatte. Meistens geht es anders aus. Ich nehme einen Korb und fange an, geschickt Stapel zu bilden. Ich bin längst dazu übergegangen, meine Büchereibesuche nach Terminen zu machen und keinesfalls vorher.

Schon die Entscheidung, wo ich meinen Rundgang beginnen soll, ist nicht leicht. Gut, wenn auf meiner Liste ein heiß begehrtes Buch steht, dann fange ich selbstverständlich dort an. Dabei geht es oft um englischsprachige Hörbücher oder deutsche Neuerscheinungen für die in meinem Budget kein Platz ist. Einmal wurde ich vom Verlangen nach einer deutschen Neuerscheinung übermannt, als ich das Buch bei den soeben zurückgegeben Büchern auf einem Tisch liegen sah. Wegen meines besitzergreifenden Benehmens habe ich mir von einer – in dieser Bibliothek offensichtlich neuen – Mitarbeiterin sogar eine Rüge eingehandelt. Mein freudestrahlendes Gesicht und der glasige Blick ließen meine Entschuldigung wenig glaubhaft wirken. Besserung habe ich, wenn ich mich recht erinnere, nicht gelobt. Das Buch (Verbrechen, Ferdinand von Schirach) war übrigens großartig!

Aber wenn ich nur eine Liste mit ein paar Büchern vom Typ “wenn sie grad da sind, nehme ich sie mit” habe, kommen mir Zweifel: erst die Schubladen mit den englischsprachigen Hörbüchern nach Überraschungen durchforsten? Oder die DVD Wand? Oder die deutschen Hörbücher? – Ach, nicht so wichtig, von denen gibt’s ja genug. Oder einfach mal rumschauen, dauert bestimmt keine zwei Minuten bis ich ein Buch entdecke, von dem mindestens ein Mitglied meines leseverrückten Bekanntenkreises schon geschwärmt hat. Mal reingucken, vielleicht lohnt es sich ja.

Andererseits, was soll es denn die Tage zum Essen geben? Mal in der Kochbuchecke gucken, ob sich da was findet, natürlich ein Buch mit ganz tollen Bildern. Kochbücher ohne Bilder sind langweilig. Kochbücher mit Bildern sind sperrig und schwer. Und außerdem sind ja die Reisebücher und Karten gleich nebenan. Vielleicht finde ich etwas, mit dem sich ein schöner Ausflug planen lässt. Ich bin kein Mann, ich stehe nicht gern im Wald mit der festen Überzeugung, dass ich da schon wieder rausfinden werde. Ich bin eine Frau, ich hab ‘ne Karte dabei, falls ich keinen finde, den ich nach dem Weg fragen kann.

Kurz vor der Ausleihtheke lassen sich die aktuellen Buchempfehlungen des Personals nie übersehen, ganz gleich wie schwer mein Korb schon ist und wie hoch das Risiko, dass ich nicht alle meine Beutestücke in meinem relativ großen Rucksack unterbringen kann. Bei den Empfehlungen gibt es eine Sofaecke, in der ich die Ergebnisse meiner Sammelwut nochmal überdenken kann.

Zu meinem vollkommen Glück fehlen mir dort nur noch heißer Earl Grey und Schokoladenkekse.

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2 thoughts on “Das zweite Wohnzimmer

  1. Hm, ich liiiiiibe Earl Grey und Kekse sowieso – egal, ob Schoko oder nicht. Und ich stehe an der anderen Seite der Ausleihtheke und freue mich über solche Kundschaft wie Dich! Für Euch sind wir da – und das ganz doll gerne! Oft bin ich allerdings auch selbst meine beste Kundschaft – schlimm 😉 Ich kann nichts dagegen tun.
    Liebe Grüße

  2. Was täte ich ohne dich und deine Kollegen. Heute erbeutet: eine detaillierte Wanderkarte (damit ich von allen meinen Fotomotiven sicher wieder heim finde), 5 HB, davon 3 englisch und einen den nächsten Krimiband meiner aktuellen Lieblingsserie.

    Es ist ein guter Tag. 🙂

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